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Die digitale Schulbuch-Revolution

Das digitale Schulbuch ist derzeit in aller Munde, wenn es darum geht die Digitalisierung der Schule voranzutreiben. Die Schulbuchverlage haben dazu bereits einige Anläufe hinter sich gebracht.

Dabei wäre zunächst die Plattform "Digitale Schulbücher" zu nennen. Auf dieser Plattform haben sich die deutschen Schulbuchverlage zusammengeschlossen. Dort stellen sie für Käufer von digitalen Schulbuchlizenzen viele ihrer Schulbücher in digitaler Form bereit.

Außerdem haben die Schulbuchverlage jeweils verlagseigene Plattformen gegründet, auf denen sie digitale Schulbücher vermarkten wollen. So hat etwa der Cornelsen Verlag die Plattform scook aus der Taufe gehoben, und auch die anderen Verlage bieten zum digitalen Schulbuch sogenannte Unterrichtsassistenten an, die das digitale Schulbuch um Zusatzmaterialien und Werkzeuge zur Unterrichtsplanung erweitern.

Um einen kleinen Einblick in die Möglichkeiten dieser Plattformen zu bekommen, kann man sich eines der vielen veröffentlichten Erklärvideos anschauen.

Bei der Entwicklung ihrer Plattformen begehen die Verlage jedoch aus meiner Sicht drei entscheidende Fehler, die ich im Folgenden kurz erläutern möchte.

Fehler Nr.1: Geschlossenheit

Was passiert eigentlich mit meinem Material, das ich im Unterrichtsassistenten aufwendig einzelnen Buchseiten zugeordnet habe, wie man es im oben eingebundene Video erklärt bekommt, wenn das Curriculum geändert wird, oder noch fataler, wenn die Fachschaft schlicht und einfach auf ein anderes Lehrwerk wechselt. Lehrbücher sind, je nach Fach, auch heute noch sehr zentral für die Lehre an den Schulen. Kein Lehrer wird sich jedoch gerne ganz an eine verlagsgebundene Plattform binden. Eine Lehrkraft ist, meiner Ansicht nach, bei digitaler Software auf größtmögliche Freiheiten aus, was Einsatzmöglichkeiten und Zukunftsfähigkeit betrifft.

Hier müssen die Verlage sich daher entweder auf eine gemeinsame Plattform einigen, wie sie das selbst einmal mit "Digitale Schulbücher" bereits erprobt haben, oder noch besser, sie definieren gemeinsame und offene Schnittstellen zum Import und Export von Daten. So käme vielleicht auch langsam ein Wettlauf um die Entwicklung der besten Plattform in Gang, und als Lehrkraft könnte man sich sicher sein, dass die digitalen Inhalte auf andere Plattformen umziehen können. Für die aktuelle gemeinsamen Plattform sehe ich in der derzeitigen Form leider kaum ein Zukunft.

Fehler Nr.2: Akinesie

Der entscheidende Fehler aus meiner Sicht jedoch ist, dass das digitale Lehrbuch paradoxerweise genauso starr ist, wie das papierene Lehrbuch! Das Buch selbst ist nicht veränderbar, jede Buchseite bleibt statisch. Allerhöchstens lassen sich Annotationen hinzufügen.

Stellen wir uns zur Veranschaulichung eine Schülerin vor, die nach heutigen Maßstäben optimal mit digitalen Werkzeugen ausgestattet ist. Sie führt ein Tablet mit sich, in dem Sie ein digitales Portfolio in einem digitalen Notizbuch führt. Dort protokolliert sie Unterrichtsinhalte nach Fächern und Datum sortiert. Sie zeichnet mit einem Stylus digitale Graphen in Mathematik, schreibt Gedichte in Deutsch und nimmt ein Videoprotokoll zu einem Versuch in Chemie auf. Arbeitet sie mit einem klassischen Schulbuch, würde Sie vielleicht Fotos von Buchseiten in ihrem Portfolio speichern, läge das Buch digital vor, würde sie vermutlich einen Screenshot von einer Buchseite machen und diesen in ihre digitale Mitschrift einbinden.

Was sie vermutlich nicht machen würde, sind digitale Notizen im digitalen Schulbuch anzufertigen. Dies würde sie aus dem gleichen Grund nicht tun, aus dem sie es im papierenen Schulbuch nicht machen würde: sie muss am Ende des Schuljahres das Buch bzw. die Lizenz zur Nutzung dessen zurückgeben. Außerdem stünden diese Notizen in keinem direkten Zusammenhang zu ihren übrigen Aufzeichnungen und Notizen in ihrem digitalen Portfolio. Das derzeitige digitale Schulbuch verkennt daher vollkommen die Chancen einer Bildung mit digitalen Werkzeugen. Wandelt es sich nicht, macht es sich letztendlich überflüssig. Umso erstaunlicher ist jedoch, dass ein Schulbuch aus Papier in diesem Szenario sogar vorteilhafter als ein digitales erscheint, da es die Hauptfunktion des Tablets, als digitales Schulheft, nicht behindert.

Fehler 3: Lehrerzentriertheit

Und dies führt mich nun zum dritten Fehler, den die Verlage derzeit machen. Sie richten ihre Plattformen derzeit nicht oder zu wenig am Schüler aus. Sie scheinen vielmehr Plattformen für Lehrer zu entwickeln, mit denen diese ihren Unterricht planen können. Sicherlich gibt es Lehrer, die sich so etwas wünschen, jedoch müsste, wie bereits oben ausgeführt, diese Plattform verlags- und fächerübergreifend funktionieren. Davon abgesehen, glaube ich, dass Lehrer viel individueller arbeiten, als das eine Plattform alle unterschiedlichen, hochkomplexen Workflows der Lehrkräfte abbilden könnte. Die digitalen Werkzeuge sind sehr vielfältig und individuell, fächerabhängig, altersabhängig und nach den verschiedensten Vorlieben ausgerichtet. Eine einzige Lösung, die eine relevante Anzahl an Lehrkräften überzeugen könnte, so dass dort auch ein funktionierendes Geschäftsmodell (für Verlage) zu entwickeln wäre, sehe ich derzeit nicht. Dennoch gibt es natürlich auch in diesem Bereich verlagsübergreifende Lösungsansätze wie meinUnterricht.de oder tutory.de, deren Entwicklung man weiterhin im Blick behalten sollte.

Eine Blaupause

Viel erfolgreicher wären die Verlage jedoch, wenn sie eine neue Form des Lehrbuchs entwickeln würden, die ganz auf die Schülerin oder den Schüler ausgerichtet wäre. Ein Buch, dass keine festen Seiten mehr hat, sondern Inhaltsfelder, die frei miteinander kombiniert werden können, so dass Verlagsinhalte (auch von verschiedenen Verlagen!) und eigene Inhalte nebeneinander stehen und sich ihre Wirkungen im Lernprozess positiv beeinflussen könnten.
Letztendlich würde das Lehrwerk der Verlage vermutlich verschwinden und durch ein Lernwerk des Lernenden ersetzt werden, hochindividuell, wie der Lernprozess selbst.

Ein Lehrbuch, dass ich in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt lassen möchte, ist das mBook. Ein wirklich herausragend gemachtes Werk, welches meiner Ansicht nach bereits ein gute Blaupause für das digitale Lehrbuch der Zukunft abgeben könnte.